Gut gelüftete Schulzimmer unterstützen die Konzentration und das Wohlbefinden von Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen. Die Luftqualität gehört deshalb ebenso zur Schulhausplanung wie Licht, Akustik und thermische Behaglichkeit. Aber wie lässt sich eine ausreichende Frischluftzufuhr im Unterricht zuverlässig sicherstellen?
Was Untersuchungen in Schweizer Schulen zeigen
Dass die Lüftung von Schulzimmern Aufmerksamkeit verdient, zeigte bereits eine Untersuchung des Bundesamts für Gesundheit BAG aus den Jahren 2013 bis 2015. In 100 Schulzimmern in den Kantonen Bern, Graubünden und Waadt wurde die CO₂-Konzentration während jeweils vier Tagen gemessen. Bei rund zwei Dritteln der 94 ausschliesslich über Fenster gelüfteten Schulzimmer lagen die Werte während mehr als zehn Prozent der Unterrichtszeit über 2000 ppm. Das BAG bewertete diese Luftqualität als hygienisch inakzeptabel. Die Ergebnisse beschreiben die damalige Stichprobe, nicht den heutigen Zustand sämtlicher Schweizer Schulen. Sie zeigen aber, weshalb sich ein genauer Blick auf die tatsächliche Lüftungssituation lohnt.
Für gute Lernbedingungen empfiehlt das BAG, die CO₂-Konzentration in Schulräumen stets unter 1400 ppm zu halten. Überschreitungen von 2000 ppm sollen möglichst vermieden werden. Treten sie regelmässig auf, sind kurzfristige Verbesserungen der Lüftung nötig. Bei Neubauten und Sanierungen soll das Lüftungskonzept so ausgelegt werden, dass die empfohlene Luftqualität erreicht werden kann.
Fensterlüftung kann helfen, braucht aber klare Voraussetzungen
Fensterlüftung ist nicht grundsätzlich ungeeignet. In bestehenden Schulhäusern können konsequent umgesetzte Lüftungspläne die Luftqualität deutlich verbessern. Dazu gehören das ausgiebige Lüften vor Unterrichtsbeginn sowie ausreichend lange Lüftungsphasen während der Pausen. Das BAG stellt dafür Empfehlungen und den Lüftungssimulator SIMARIA zur Verfügung. Dieser unterstützt den Schulalltag, ersetzt aber keine fachplanerische Auslegung.
Die Herausforderung liegt in der Verlässlichkeit. Wie viel Aussenluft tatsächlich in einen Raum gelangt, hängt unter anderem von den Fensteröffnungen, dem Wind und der Temperaturdifferenz zwischen innen und aussen ab. Gleichzeitig müssen Raumvolumen, Belegung und Lüftungszeiten zusammenpassen. Ein dicht belegtes Schulzimmer stellt andere Anforderungen als ein nur zeitweise genutzter Gruppenraum.
Für Planer bedeutet das: Öffenbare Fenster allein sind noch kein Lüftungskonzept. Auch eine natürliche Lüftung muss so geplant sein, dass die erforderliche Luftqualität mit einem im Alltag zumutbaren Nutzerverhalten erreicht werden kann.
Was mechanische Lüftung leisten kann
Eine bedarfsgeregelte Lüftung kann die Frischluftzufuhr an die Nutzung des Schulzimmers anpassen. CO₂-Sensoren erfassen dabei die Belastung durch die anwesenden Personen und liefern eine Grundlage für die Regelung. Das ist besonders bei wechselnder Belegung hilfreich: Eine volle Klasse benötigt mehr Aussenluft als eine kleine Lerngruppe. Unnötig hohe Luftmengen lassen sich dadurch ebenso vermeiden wie eine unzureichende Lüftung während des Unterrichts.Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, die zugeführte Aussenluft zu filtern. Das ist auch in der Schweiz relevant: Laut aha! Allergiezentrum Schweiz ist rund jede fünfte Person von einer Pollenallergie betroffen. Geeignete Filter können einen Teil der Pollen und anderer Partikel zurückhalten und so deren Eintrag über die Lüftung reduzieren. Entscheidend sind die Filterqualität, eine regelmässige Wartung und der rechtzeitige Filterwechsel. Eine vollständig allergenfreie Raumluft lässt sich daraus nicht ableiten.
Auch beim Umgang mit luftgetragenen Krankheitserregern spielt die Lüftung eine Rolle. Ein vom BAG und Schweizer Fachorganisationen erarbeitetes Positionspapier nennt mechanische Lüftung als gute Voraussetzung, um das Infektionsrisiko zu reduzieren. Lüftung ist dabei eine Schutzmassnahme, keine Garantie gegen Ansteckungen.
Energieeffizienz am gesamten System beurteilen
Beim Lüften geht in der Heizperiode Wärme verloren. Eine mechanische Zu- und Abluftanlage mit Wärmerückgewinnung kann einen Teil dieser Wärme nutzbar machen und den Heizwärmebedarf für die Lufterneuerung reduzieren. Gleichzeitig benötigen die Ventilatoren Strom. Für einen aussagekräftigen Vergleich müssen deshalb beide Energieanteile betrachtet werden.Wie effizient eine Anlage arbeitet, hängt nicht allein vom Lüftungsgerät ab. Relevant sind auch die Luftmengen, Druckverluste, Betriebszeiten und die Regelung. Die SIA 382/1:2025 nennt unter anderem bedarfsgerechten Betrieb, geringe Druckverluste sowie Wärme- und Feuchterückgewinnung als Ansatzpunkte zur Reduktion des Energiebedarfs.
Für die Variantenwahl sollten Bauherrschaften deshalb neben den Investitionskosten auch den erwarteten Energieverbrauch, den Unterhalt und die erreichbare Raumluftqualität vergleichen. Eine günstige Anschaffung allein sagt wenig darüber aus, wie sich ein System im Schulbetrieb bewährt.
Gute Luft ist noch nicht das ganze Raumklima
Ein Schulzimmer kann gut gelüftet sein und trotzdem als unangenehm empfunden werden. Zugluft, störende Geräusche oder hohe Raumtemperaturen müssen deshalb ebenfalls berücksichtigt werden. Die Planung darf sich nicht auf den CO₂-Wert beschränken.Gerade im Sommer braucht es ein abgestimmtes Konzept aus Sonnenschutz, begrenzten Wärmeeinträgen und geeigneter Wärmeabfuhr. Nachtlüftung kann dazu beitragen, die Gebäudemasse abzukühlen. Eine auf den hygienischen Luftbedarf ausgelegte Lüftung allein reicht dagegen nicht zwangsläufig aus, um Überhitzung zu verhindern. Ob zusätzliche Kühlung erforderlich ist, muss anhand des Gebäudes und seiner Nutzung beurteilt werden.
Ebenso wichtig ist die Kontrolle im Betrieb. CO₂-Messungen helfen, die Durchlüftung eines belegten Schulzimmers zu beurteilen. Sie sind aber keine Messung sämtlicher Luftschadstoffe. Ergänzend sollten Rückmeldungen von Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern aufgenommen werden. Eine verständliche Bedienung und Möglichkeiten, die Raumbedingungen zu beeinflussen, tragen wesentlich zur Akzeptanz der Technik bei.
Lüftung früh in Neubauten und Sanierungen integrieren
Für die Planung gibt es in der Schweiz etablierte fachliche Grundlagen. Die SIA 180 behandelt unter anderem die Wahl der Lüftungsmethode. Für mechanische Lüftungen enthält die SIA 382/1:2025 die entsprechenden Grundlagen und Anforderungen. Welche Vorgaben für ein konkretes Schulbauprojekt massgebend sind, sollte frühzeitig geklärt werden.Der Ausgangspunkt sollte dabei nicht ein bestimmtes Produkt sein, sondern die gewünschte Nutzung. Bauherrschaft, Planungsteam, Schulleitung und Gebäudebetrieb sollten gemeinsam festlegen, welche Raumluftqualität erreicht werden soll und welche Aufgaben die Nutzenden übernehmen können. Ob natürliche, mechanische oder kombinierte Lüftung: Die Lösung muss zum Gebäude und zum Schulalltag passen.
Das BAG empfiehlt, Anforderungen an die Luftqualität und das erwartete Lüftungsverhalten bereits im Wettbewerbsprogramm zu definieren. So lässt sich die Lüftung mit Architektur und Raumorganisation abstimmen, statt sie erst nachträglich einzupassen. Zur Umsetzung gehören ausserdem eine sorgfältige Einregulierung sowie ein Betrieb und eine Wartung, die dauerhaft sichergestellt sind.
Fazit: Entscheidend ist, was im Schulzimmer ankommt
Für Schweizer Schulbauten sollte die Frage nicht pauschal «Fenster oder Lüftungsanlage?» lauten. Entscheidend ist, welches Konzept unter den konkreten Bedingungen zuverlässig funktioniert.
Gute Schulhausplanung setzt deshalb klare Ziele für die Raumluftqualität, berücksichtigt Komfort und Energiebedarf und überprüft das Ergebnis im Betrieb. Der Massstab ist nicht die installierte Technik, sondern ein Schulzimmer, in dem die vereinbarten Bedingungen tatsächlich erreicht werden.